Raus aus der Schublade – willkommen beim Literaturstammtisch!

Degginger Haus

Autoren sind einzelgängerische Wesen, die einsam und allein vor ihrer Schreibmaschine hocken, in dunklen Kellerlöchern oder abgeschiedenen Dachwohnungen hausen und sich nur selten ans Tageslicht wagen.

So ein weit verbreitetes Vorurteil.

Unzählige Autorengruppen in sozialen Netzwerken jedoch beweisen, dass der Autor an sich durchaus eine kontaktfreudige Spezies ist, immer auf der Suche nach Artgenossen, mit denen er sich austauschen kann.

Autorenverbände

Im realen Leben sind die Möglichkeiten der Vernetzung allerdings häufig gering oder mit gewissen Hürden verbunden. Natürlich gibt es eine Reihe von Autorenverbänden, wie den Verband deutscher Schriftsteller. Solche Gruppierungen sind für Berufsautoren eine große Unterstützung und bieten viele Möglichkeiten, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Jedoch richten sie sich in der Regel nur an professionelle Verlagsautoren. Hobbyautoren und Selfpublisher erfüllen die Aufnahmekriterien häufig nicht. Zudem sind die Hemmungen, sich an einen solchen Verband zu wenden, für Anfänger oft zu groß.

Und dann gibt es ja auch diejenigen, die überhaupt noch gar nicht zur Feder gegriffen haben, sondern sich nur für das Schreiben interessieren, aber noch nicht so recht wissen, wie sie es anfangen sollen. Oder die, die schon seit Jahren Texte in der Schublade haben, aber noch nicht den Mut hatten, diese auch mal wieder hervorzuholen.

Für all diese Schreiberlinge fehlen oft die Netzwerke im Real Life.

Kaffeehausliteratur

Um die Jahrhundertwende sah das literarische Leben noch ganz anders aus. Um diese Zeit gehörte es für die schreibende Zunft in Städten wie Wien, Prag oder Budapest geradezu zum guten Ton, sich in angesagten Kaffeehäusern zu treffen und auszutauschen. So war Franz Kafka regelmäßig im Café Arco zu Gast. Die Literaten des „Jung Wien“, wie Arthur Schnitzler oder Hugo von Hofmannsthal, versammelten sich regelmäßig im Café Griensteidl. Es wurde lebhaft diskutiert, philosophiert und nach Inspirationsquellen gesucht. Man arbeitete nicht allein vor sich hin, man kannte sich, feindete sich gewiss ab und zu auch mal an, blieb aber in Kontakt.

Ja, manches Werk entstand sogar zur Gänze im Kaffeehaus, mit einer Tasse Melange und einer Tageszeitung neben den dicht beschriebenen Blättern.

Stefan Zweig beschreibt seine Zeit im Kaffeehaus mit folgenden Worten:

„So wussten wir alles, was in der Welt vorging, aus erster Hand, wir erfuhren von jedem Buch, das erschien, von jeder Aufführung und verglichen in allen Zeitungen die Kritiken; nichts hat so viel zur intellektuellen Beweglichkeit des Österreichers beigetragen, als dass er im Kaffeehaus sich über alle Vorgänge der Welt umfassend orientieren und sie zugleich im freundschaftlichen Kreise diskutieren konnte. Täglich saßen wir stundenlang, und nichts entging uns.“

(Stefan Zweig, Die Welt von Gestern)

In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts jedoch starben die Kaffeehäuser langsam aus – und mit ihnen die Kaffeehausliteraten.

Kaffeehausliteratur 2.0.

Ich selbst kannte das lebendige Treiben der Kaffee schlürfenden Literaten immer nur aus Büchern. Und betrachtete ihre Geschichte stets mit einer gewissen Wehmut, um nicht zu sagen: Nostalgie. Warum nicht diese wunderbare Tradition neu beleben? Warum nicht mit Notebook und Smartphone anstatt mit Tageszeitung und Füllfederhalter im Café sitzen? Mit anderen plaudern, diskutieren, schreiben und sich gegenseitig inspirieren?

Aus diesen Gedanken heraus entstand die Idee eines Literaturstammtisches.

Nur wohin gehen, wenn die klassischen Kaffeehäuser in Regensburg doch mittlerweile weitestgehend durch Coffee Shops ersetzt wurden? Und jeder, der etwas auf sich hält, sein Heißgetränk ohnehin nur noch „to go“ konsumiert?

Literaturstammtisch im Degginger

Aber Moment, da ist doch gerade etwas im Entstehen, in einem Haus, das alt und zugleich neu ist, ein Haus, in dem sich ohnehin schon die Kreativen Literaturstammtischtreffen, zum Planen, zum Netzwerken und zum Kreativ-Wirtschaften.

Die Rede ist natürlich vom Degginger, das geradezu prädestiniert schien für solch einen Literaten-Treff.

So wurde zur Vorbereitung zunächst eine Facebook-Gruppe gegründet, ein erstes Schnupper-Treffen fand statt, und das war sie: die Geburtsstunde der Degginger-Autoren.

Heute treffen wir uns einmal im Monat. Willkommen sind alle, die sich für das Schreiben interessieren, gleich ob professionell oder nur als Hobby. Wir plaudern, wir diskutieren, plotten, stellen uns gegenseitig unsere Ideen vor. Reden über alles, was uns in den Sinn kommt. Ganz locker und zwanglos.

Und ja, manchmal trinken wir auch Kaffee. Wie echte Kaffeehausliteraten halt.

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2 Gedanken zu „Raus aus der Schublade – willkommen beim Literaturstammtisch!“

  1. Danke für diese unsere Vorstellung, Julia – und das tolle historische Foto vom Degginger. Von wann ist das? Freilich hat Regensburg noch einige schöne Cafés, aber tatsächlich wenige „echte“ Kaffeehäuser.

    1. Hmmm, schwierig zu sagen, von wann genau das Foto ist … Es ist eine der Ansichtskarten aus der Sammlung von Peter Milic. Auf der Karte steht aber leider kein Datum drauf 🙁
      Allerdings kann man im Vordergrund eine Leuchtreklame sehen und ein winziges Stückchen von einem Auto. Die Kleidung wirkt auch relativ „modern“. Also, ich schätze mal ganz grob 50er Jahre.

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