Serie: Die Architektur der Geschichte

Schreibmaschine_Degginger-Autor*innen

Teil 1: Prämisse oder Kernaussage – was willst Du eigentlich?

Sie sind Autor? Gut. Dann legen Sie Ihren Stift und Ihre Tastatur weg, ziehen sich Ihre Wanderstiefel an und schultern Ihren Rucksack. Denn bevor man hübsche Sätze auf das Papier bringen kann, müssen die überlebenswichtigen Grundlagen sitzen. Eine Pfadfinderei für Geschichtenbauer von Benjamin Feiner.

Stellen Sie sich eine Autorin vor. Vielleicht sieht sie Ihnen sogar ähnlich. Sie sitzt vor ihrem Laptop, bastelt seit Wochen an ihrem Roman herum. Die vielen angefangenen Kapitel ihres Buches hat sie nun zusammengefügt und will diese auf 150 Seiten ausarbeiten. Sie hat viele Stunden in das Schreiben investiert, hat sich wenig Ruhe gegönnt, hat recherchiert, hat wichtige Termine mit ihrem Freund abgesagt. Sie hat sich sogar schon für einen Titel entschieden. Aber nun sitzt sie da, den Kopf auf die Tischplatte gelegt, die Seiten in den Mund gestopft. Ein flaches, erschöpftes Pfeifen entweicht aus ihren Nasenlöchern. Die Tastatur ist im ganzen Zimmer verstreut, ein faustgroßes Loch klafft im Bildschirm.

Was ist passiert?

Der Text unserer Beispielautorin ist in sich zusammengefallen. Denn mit Texten verhält es sich nicht anders als mit einem menschlichen Körper. Jeder Körper benötigt ein Rückgrat oder Skelett. Sonst fällt er – wie gesagt – als weicher Fleischsack in sich zusammen.

Auch ein Text, oder allgemeiner formuliert, eine Geschichte (folgt man der Definition von Text als „semantisches Gewebe“, gibt es durchaus Gründe, eine Geschichte mit einem Text gleichzusetzen) besitzt ein solches Rückgrat. Die meisten Autoren scheitern deshalb an ihren angefangenen Buchleichen, weil sie sich keine Gedanken darüber machen, was das „Ganze“ überhaupt soll.

Zurück zu unserer Autorin. Sie hat das Papier ausgespuckt, als ihr Freund nach Hause gekommen ist, und hat sich auf dessen PC eingeloggt, um einen neuen Laptop zu bestellen. Der Freund tritt an sie heran, begutachtet das Schlachtfeld, und meint: „Ich weiß nicht, ob das mit dem Buch so eine gute Idee war.“

Sie muss sich zusammenreißen, als sie, ohne eine Antwort zu geben, in Richtung Küche deutet, auf den Stapel schmutziger Teller, der gestern von der Party mit seinen Kumpels übriggeblieben ist.

Aber stimmt – War das eine gute Idee? Und: Was war überhaupt die „Idee“?

Die Frage „Was will ich mit der Geschichte“ scheint auf den ersten Blick überflüssig. Es steckt aber mehr dahinter als „Geld verdienen“, „gute Unterhaltung“, „Selbstverwirklichung“ oder „Ruhm“. Es geht nicht um das, was man als Autor*in will – es geht um das, was die Geschichte will. Und zwar vom Leser.

Es gibt eine sehr schöne Szene aus dem Film „Inception“ von Christopher Nolan: Ein Team aus professionellen Traummanipulateuren muss in das Unterbewusstsein des Sohns eines Multimilliardärs eindringen, um ihn davon zu überzeugen, das Handelsimperium seines Vaters aufzuteilen. Eine komplizierte Mission. Das Team weiß, dass die Traumwelt ihre eigenen Regeln hat. Ist jedoch die Idee einmal „gepflanzt“, beeinflusst sie das Handeln der Person in der Realität. „Das Handels-Imperium aufsplitten“ ist eine sehr komplexe Aufforderung – im Film diskutieren Leonardo DiCaprio & Co darüber, wie sie die Botschaft auf ein möglichst einfaches Level herunterbrechen können. Denn nur dann kann der Sohn den eingepflanzten Gedanken als seinen eigenen annehmen und umsetzen. Sie kommen nach mehreren Iterationen schließlich auf dieses Ergebnis: „Triff deine eigenen Entscheidungen.“

Jede Geschichte wird von einem Motor angetrieben, einer sogenannten „Prämisse“ – dieses Wort findet oft Verwendung in der Fachliteratur und in Schreibratgebern. Ich persönlich finde es meist unpassend und missverständlich. Ich spreche gerne von „Aussage“ und „Kern“, denn um nichts anderes geht es hier: Jede Geschichte lässt sich auf eine sehr simple Botschaft oder „Regel“ eindampfen.

Ich will das an ein paar Beispielen festmachen.

Nehmen wir die einfachsten Geschichten, die jeder kennt. „Rotkäppchen“ zum Beispiel. In der Version der Gebrüder Grimm trägt das Märchen (wie so viele von den Grimm-Bearbeitungen) eine sehr deutliche, didaktische Aussage vor sich her: „Vertraue nicht fremden Leuten.“ Oder anders gesagt: Rotkäppchen ist eine Geschichte über die Konsequenzen von Naivität und geringer Aufmerksamkeit. Sonst hätte das Mädchen sofort den überdeutlichen Wolf hinter dem Spitzenhäubchen bemerkt.

Gehen wir eine Stufe weiter. Faust, nach J. W. Goethe, hat die Aussage: „Bildung und Wissen allein beantworten nicht alle Fragen.“ Es ist eine Geschichte über den Gegensatz von Intellekt und Trieb, Vernunft und Irrationalität.

Oder um ein anderes, zeitgenössisches Beispiel zu wählen, bei dem die Aussage noch vager formuliert ist: „Ruhm“ von Daniel Kehlmann ist eine Geschichte über Identität und den Verlust derselben. Die Figuren im Roman gehen in fremden Ländern verloren, ihnen wird die Identität aberkannt. Oder sie versuchen, anderen nachzueifern, bis sie vergessen, wer sie selbst sind.

Der Kern der Geschichte muss in einem kurzen Satz alles beinhalten, was später in jedem Kapitel, auf jeder Seite und in jedem Satz entfaltet wird. Es ist wie die These bei einer wissenschaftlichen Arbeit. Man stellt eine Behauptung auf und versucht sie anschließend, auf 30 Seiten mit Definitionen, Argumenten und Studien zu begründen. Die einzelnen Elemente einer Geschichte stellen also Iterationen und unterschiedliche Aspekte der Kernaussage dar.

In „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller steht die Aussage: „Die Gesellschaftsstruktur zerstört Menschen und Beziehungen.“ Jede Szene, jede Figur dient der Demonstration eines bestimmten Teilbereichs dieser Aussage. Luise und Ferdinand sind die Opfer des Ständesystems, Miller ist der besorgte Vater, der seine Tochter in guten Händen wissen will, Wurm ist Opportunist und Nutznießer, und Präsident von Walter muss das System schützen, egal wie tragisch der Ausgang auch sein mag. Selbst eine Nebenrolle wie Lady Milford ist exemplarisch für ein Individuum, dass im Spiel der Gesellschaft eigentlich nicht teilnehmen will. Die Dialoge wiederum sind der Ort, an dem Schiller den Figuren die unterschiedlichen Perspektiven in den Mund legen kann.

Die Aussage für die eigene Geschichte zu finden, ist oft nicht einfach.

Ich empfehle, zur Übung einfach Bücher oder Filme nach ihrem Kern zu befragen. Wo befindet sich die Schnittmenge zwischen allen in der Geschichte vorkommenden Ereignissen, Figuren und Themen? Was wird in den entscheidenden Momenten behandelt? Es braucht unter Umständen Zeit, um für das eigene Buch die passende Kernaussage aus all den Notizen und Themen zu extrahieren. Man sollte sich diese Zeit aber auf jeden Fall nehmen.

Nachdem sich unsere Autorin im Internet durch unzählige Anatomieseiten geackert hat – „Rückenmarkserkrankungen“, „Rückgratdeformationen“, „Knochenaufbau bei Erwachsenen und Kindern“ –, wird sie endlich von einem Geistesblitz getroffen: Sie will eine Geschichte über eine Autorin schreiben, die versucht, einen Roman zu schreiben. Und durch das Schreiben mit ihrer eigenen, dunklen Seite konfrontiert wird. Es wird eine Geschichte über das Anerkennen des Bösen als Teil der eigenen Persönlichkeit. Sie wirft einen Blick zu ihrem Freund, der in der Küche gerade abspült und über sein Bluetooth-Headset mit Arbeitskollegen telefoniert. Sie grinst und verschwindet wieder in ihrem Arbeitszimmer.

 

Bild: https://pixabay.com/en/typewriter-write-vintage-1245894/

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