Die Architektur der Geschichte

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Teil 2: Themen und Motive – um was soll’s gehen?

„Prämissen“ – oder „Kernaussagen“, wie ich sie oft nenne – sind, wie wir bereits festgestellt haben, eine Möglichkeit, die zentrale Aussage bzw. den zentralen Konflikt in einem kurzen Satz zusammenzufassen.

Das Problem mit Prämissen aber ist: Sie sind austauschbar. So merkt man schnell, dass beispielsweise Episode 1-6 von Star Wars einer sehr ähnlichen Struktur zugrunde liegt wie Shakespears Macbeth – nämlich die Korruption einer rechtschaffenen Seele durch den Hunger nach Macht und Rache. Und ganz ehrlich, dieser Konflikt ist wirklich nichts neues.
Zudem beschreiben Prämissen nur die ungefähre Idee einer Geschichte, ihren Konflikt, nicht aber die Erzählweise, das Genre oder die vielen, wichtigen Details. Wir müssen also das Feld weiter einschränken und gleichzeitig erweitern.

Bleiben wir gleich bei Star Wars. Man mag zu diesem Weltraum-Epos stehen wie man will, aber die Köpfe hinter dem gigantischen Universum haben sehr gute Arbeit geleistet. Denn es steckt mehr in diesem Franchise drin, als man glauben mag: Eine Shakespeare-artige Saga mit vielen tragischen Wendungen, Fantasy-Elemente (Gut gegen Böse, die „Macht“ als magisches Element, exotische Völker und tapfere Heldinnen und Helden), fernöstliche Philosophie und Rittertum, Science-Fiction-Ästhetik, politische Intrigen – die Story-World von Star Wars ist eine vielschichtige, dichte Konstruktion verschiedenster Tropen, Motive und Themen. Je mehr es zu entdecken gibt, umso tiefer taucht man ein.
Eine gute Geschichte ist deshalb wie ein Blätterteig: aufeinandergepresste Teigschichten, die erst beim Backen ihr volles Aroma und Volumen entfalten. Eine Geschichte, in der wir viel hineininterpretieren können und über die man stundenlang diskutieren kann, ergibt somit ein reiches, nachhaltiges Erlebnis.

Ich will alle dazu ermutigen, sich den folgenden Prozess auf die eine oder andere Art vor Augen zu halten, bewusst zu nutzen und nach eigenem Gutdünken anzupassen.

Schritt 1 – Schleusen öffnen

Nach der Findung der Kernaussage darf gespielt werden (Etwas, das die meisten Autoren übrigens viel zu selten tun!)
Folgendes kann man zur Übung in einem stillen Raum und mit genügend Zeit ausprobieren: Man schreibt auf einem großen Bogen Papier einen Begriff, den man vielleicht mit seiner Prämisse assoziiert, oder an dem man einfach nur interesseloses Gefallen findet, zum Beispiel „Parallelwelten“, „Wetter“ oder „Krankheit“. Ich empfehle, sich Zeitungen und Magazine zu besorgen, aus denen man Bilder ausschneiden kann. Idealerweise haben diese Illustrationen irgendeinen Blickfang zu bieten oder weisen eine Verbindung mit dem Begriff in der Mitte auf.
Was nun geschehen sollte, ist ein wildes, zügelloses Assoziationsgemenge – man kann Bilder auf das Plakat kleben, abzweigende Begriffe oder vielleicht ein paar vielsagende Zitate und Sätze dazuschreiben, zeichnen, verbinden, kritzeln und basteln. Wichtig: Keine Kontrolle. Keine Hemmungen. Keine Scham vor seltsamen Gedanken, schrägen Ideen oder bekloppten Fantasiewörtern. Es ist alles erlaubt, denn es kann alles passieren.

Schritt 2 – Kristallisation

Wer also auf diese Weise seinen kreativen Funken entzündet hat, dürfte nach gut ½-1 Stunde ein wirr zugeklebtes und -geschriebenes Plakat vor sich liegen haben. Nachdem wir die Schleusen weit geöffnet haben, lenken wir den Prozess wieder in die andere Richtung – wir verengen die Schleusen, sortieren und klassifizieren.
Ich empfehle, das Plakat gründlich zu untersuchen und die Eigenkreationen zu analysieren. An welchen Themen und Motiven bleibt man immer wieder hängen? Was klingt spannend und vielversprechend? Wo verbirgt sich Potenzial für eine reichhaltige Story?
Die besten Elemente, Wörter und Ideen werden gesammelt (es sollte streng aussortiert werden!) und als neue Kernbegriffe verwendet.

Der Clou: Spaßig wird es, wenn man auf diese Weise Schritt 1 und 2 drei-, viermal wiederholt. In der Design-Sprache spricht man von „iterative design“ – öffnen, schließen, öffnen, schließen, um sich dem Ziel langsam, Schritt für Schritt anzunähern. Fehler sind indes ausdrücklich erlaubt.
Während der Anwendung dieser Methode wird sich bereits ein feiner Umriss der eigentlichen Geschichte abzeichnen, mögliche Nebenfiguren, Handlungspunkte oder Szenarien. Man sollte sich allerdings unter keinen Umständen jetzt schon festlegen – man kann diese „Fundstücke“ nehmen, mit ihnen spielen, sollte sie aber noch nicht in Stein meißeln. Die meisten Entwürfe erleben in ihrer Entwicklung einige dramatische Umwälzungen. Eine zu starke Bindung an manche Ideen manövriert so Manchen direkt in eine Sackgasse.

Wir haben damit eine feste, aber dünne Prämisse mit den Ansätzen eines Skeletts auszustatten begonnen. Wir haben einen ungefähren Kurs gesetzt. Unsere Geschichte beginnt, fühl- und hörbar zu werden – ich spreche da gerne von „Sound“ (den Begriff habe ich von meinem ehemaligen Germanistik-Professor geliehen), denn es beschreibt etwas Ungefähres, Verschwommenes, als ob man nach einem langen Schlaf die Augen öffnet, die Umgebung allerdings noch unscharf wirkt. In dieser Vagheit kann man sich als Autor leicht verlieren und in den sich zahllos abzweigenden Wegen verlieren – entscheidend ist deshalb, die Prämisse, also den Kompass, nie aus den Augen zu verlieren.

 

Bild: https://pixabay.com/en/typewriter-write-vintage-1245894/

 

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